2001 - Birdland Café



Plakate - Kritik


Band Anselm Bauer, Matthias Mang- Fabian Rink, Thomas Wörle
Entertainer Tom Karrer
Bar Anke Riemer, Alexander Schmid , Marc Ziegler
Frauentisch Vroni Auer, Julia Czaja, Sarah Huttner
älteres Paar Pia Greven, Evdokia Hatzieleftheriadis
mittleres Paar Katharina Kuznia, Vroni Rauschel
jüngeres Paar Kerstin Badlehner, Bara Fostova
Männertisch Benjamin Chuchulowski, Manfred Lieven, Florian Reißner
Frauentisch Lili Geiger, Isabel Weniger, Niki Zieger
Rosenverk~uferin Katharina Deichsel
Männertisch Chris Scheurle
Zeitungsverkäuferin Pauline Leopold
Bedienung Sabrina Gühring, Daniela Eberle, Stefan Aigner
Plakate Pia Greven, Boris Innecken
Beleuchtung Matthias Rappel
Spielleitung Rupprecht Losert


Nach der intensiven Bearbeitung von Klassikern in den letzten Jahren (1998 Brechts Dreigroschenoper, 1999 Shakespeares Lear und Becketts Endspiel sowie 2000 Goethes Faust) hat sich die Theatergruppe des Gymnasiums vorgenommen, es dieses Schuljahr mit einem eigenen Stück zu versuchen. Natürlich sollten verschiedene Elemente, die in den letzten Jahren entwickelt wurden, als Bausteine aufgenommen werden: so etwa die musikalische Begleitung wie bei der Dreigroschenoper oder das unmittelbare Ineinandergehen der einzelnen Szenen wie bei Lears Endspiel oder im Faust. Einerseits sollte das Stück eine gewisse Leichtigkeit wie etwa im Gestiefelten Kater (1997) haben, andererseits dennoch der ernste Hintergrund wie in den letzten beiden Jahren erhalten bleiben. Gleichfalls wollten wir das Publikums wie in den letzten Jahren einbinden. So fanden sich Anfang des Schuljahres um die 30 Schülerinnen und Schüler von der 5. bis zur 13. Jahrgangsstufe zusammen, um an dieses „Bauwerk“ heran zu gehen.
Zunächst musste der Platz unserer „Baustelle“ bestimmt werden. Alltägliche Stimmungen und Gefühle sollten als „Materialien“ verwendet werden und eine Art Rhythmus des Stückes bilden. Da wir Musik als wesentliches Element in unser Stück einbinden wollten, ergab sich so zwanglos die Situation eines Musikcafes. Auch kann so das Publikum sinnvoll integriert werden.
Die Struktur sollte eine Liebes- oder eine Kriminalgeschichte bilden. Warum nicht beides? Nur was für ein Krimi: ein analytischer, bei dem das anfängliche Verbrechen schrittweise aufgeklärt wird (Stichwort „Detektiv“), oder ein synthetischer, der langsam zum Verbrechen hinführt, wie etwa Süskinds Parfüm? Schon klar: es musste beides sein! Und auch hier hatten wir ja schon mit Lear als „Verbrechens“-geschichte und dem Endspiel als eine Art paradoxe Analyse eines „Verbrechens“ Vorbilder. Als dramatische Struktur ergab sieh daraus zwanglos die klassische Fünfteilung: Exposition (Alltag) - Steigerung (Streit) - Konflikthöhepunkt (Musikmedley) -Retardierung (Besinnung) - Lösung (Alltag).
Für die musikalische Ausrichtung wählten wir den Jazz, der mit seinen verschiedenen Stile“ und seiner besonderen Rhythmisierung vielfältige Möglichkeiten für unser Stück zuließ. Zugleich ist er aber durchaus als eine Art Protest gegen gängige Klischees und Diskriminierungen aller Art zu verstehen, wie oben schon angesprochen („Der Jazz“). In Verbindung mit der Kriminal- und Liebesgeschichte konnte so für jede Situation ein passender Song gefunden werden. Birdland von Joe Zawinul in der Weather-Report-Fassung vereint gleichsam alle modernen Stilrichtungen des Jazz (Alltag). In All of me wird die Diskrepanz zwischen Entpersonifizierung und kommerzialisiertem Swing besonders deutlich (Streit). Im Musikmedley sollen die Übergänge vom Cool Jazz ( All Blues von Miles Davis) über Hard Bop (Watermelon Man von Herbie Hancock) bis in freie Atonalität in Free Punk Funk angezeigt werden. Am klassischen Ort des Höhepunkts steht somit die Verbindung von kühler Zurückgezogenheit und aggressiver Zufälligkeit, für die es keine Worte mehr gibt. Nachdenklichkeit soll mit einem balladenhaftem Autumn Leaves folgen. Der Alltag kehrt wieder mit Birdland.
Als Textgrundlage fanden wir, nach langen Suchen und Probieren, zurück zu Shakespeare, und zwar zu seinen Sonetten. Der gesamte Text der einzelnen Tische wurde auf Grundlage dieser „Materialien“ zusammengesetzt und in die jeweilige dramatische Struktur eingebunden. Gerade aber das Grundmotiv dieser Sonette, das unbedingte Festhalten an Freundschaft und Liebe und das gleichzeitige Scheitern dieser, schälte sich immer mehr als besonders geeignet für die Situationen an unseren Tischen heraus. So ergab sich auch die Kernaussage des Stücks: Die Zerstörung der unausgesprochenen Liebe durch Worte.
Dass gerade Musik oft mehr sagt als Worte, ist somit ein wesentlicher struktureller als auch inhaltlicher Bestandteil von Birdland Cafe. Dieser Titel, der sich eher zufällig durch den Titelsong ergab, weist aber zugleich darüber hinaus. Vorbild hierfür ist das berühmte Jazzlokal Birdland am Broadway, das nach einem der maßgeblichsten Musiker des modernen Jazz benannt wurde: Charlie Parker, genannt Bird. Seinen ersten Zusammenbruch hatte er beim Einspielen von Loverman mit 26 Jahre. Freunde berichten von einem vereinsamten Mann, der nachtelang ziellos in der Subway fuhr, was in obigem Textauszug von Cortazars Roman anklingt. Körperlich ein Wrack starb er mit 35 Jahren. Kurz vorher schrieb er Folgendes:

„Hör‘ die Worte! Nicht die Doktrinen!
Hör‘ die Predigt, nicht die Theorien
Tod ist eine dringende Sache..
Mein Feuer ist unlöschbar.“


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