2005 - OhdieSee
Zum Stück

OhdieSee...
Eine irre Bootsfahrt
frei nach Homer


Den Mann, nenne mir, Muse, den vielgewandten ...

Mit den berühmten Versen von dem Mann, dessen Listenreichtum sprichwörtlich geworden ist, beginnt eine Tradition für die abendländische Geistesgeschichte, die bis heute ihre Wirkungen zeitigt. Die Odyssee von Homer gilt als eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur. Für die europäische Literaturgeschichte ist die Heimkehr des Odysseus auf jeden Fall ein grundlegendes Werk und damit auch Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Adaptionen in den verschiedensten Gattungen. Der Mann, der für das berühmte Troia den Untergang herbeiführte, der von den einen Göttern dafür geliebt, den anderen gehasst wurde, der zehn Jahre von einem Abenteuer zum nächsten eilte, bis er in den Hafen seiner Heimstatt Ithaka zurückkehrte, der schließlich sein Haus mit brachialer Gewalt von unverschämten Nebenbuhlern befreite, dieser Mann kann auch als Bild für unsere heutige Situation gesehen werden. Und hiervon erzählt das Stück, das die Theatergruppe dieses Jahr in Anlehnung an das berühmte Epos erarbeitet und aufgeführt hat.

Irren im Meer der unendlichen Beliebigkeit

Anything goes, irgendetwas geht immer, ... das Schlagwort für die postmoderne Beliebigkeit, die moderne Spaß - und Jugendkultur, die nicht nur die Jugend, sondern unsere ganze Gesellschaft erfasst hat. Wir lassen uns treiben in einem Meer von Angeboten, konsumieren im Übermaß und verlieren vielfach die Orientierung in der unendlichen Vielfalt. Die errungene Freiheit wandelt sich oft in ihr Gegenteil zu einer Art zwanghaften Getriebenheit in unserer modernen Welt: Wir irren sozusagen im Meer der unendlichen Beliebigkeit.
So auch Odysseus! Nach der glorreichen Eroberung Troias aufgrund seines Erfindungsreichtums - gleichsam dem technischen Erfolg der Moderne zu vergleichen - irrt Odysseus in einem Angebot von Vergnügen, die ihn aber nicht befriedigen: ob Kalypso, Kirke oder die Sirenen, es drängt ihn schließlich doch nach Hause zu seiner Familie. Auch die Gefahren, die er auf seiner Fahrt überstehen muss, können symbolisch verglichen werden mit den Problemen unserer Zeit: die Gigantomanie und Gewalttätigkeit. Ob Polyphem oder Skylla und Charybdis, bevor Odysseus heimkehren kann, muss er diese Gefahren überstehen. Und auch zu Hause ist er nicht vor dem Untergang geschützt, wie auch heutige Schwierigkeiten in den familiären Beziehungen zeigen.
Die Bootsfahrt des Odysseus kann so als Sinnbild auch der modernen Existenz verstanden werden, die insbesondere aufgrund des unendliche Angebots an vergnüglichem Konsum und technischen Möglichkeiten leicht in die Irre bis nahe an den Abgrund führen kann.

Heimkehr zur abendländischen Bildungstradition

Die Odyssee erzählt aber auch davon, dass diese Heimkehr gelingen kann. Der Held besteht aufgrund seiner Klugheit und Beständigkeit, aber auch durch seine beherrschte und maßvolle Haltung. In einer zügellosen Welt bleibt er ein Einsamer, der sich nie gegen seine Kameraden wendet, sondern ihnen zu helfen versucht, was ihm aber nicht gelingt. So gesehen ist die Fahrt auch eine Art Erziehung des Odysseus, sich selbst zu finden. Diese Erziehung, die die Götter über zehn Jahre hinweg durch die verschiedensten Erfahrungen hindurch bestimmen, führt ihn schließlich zu seinem sinnvollen Lebenszweck nach Hause.
Die Heimkehr des Odysseus ist so zum Sinnbild der abendländischen Geistesgeschichte geworden. Gleich ob die Figur in der Antike als Weiser und Dulder in der stoischen Philosophie oder in Dantes Inferno als der ungebundene und umgetriebene Mörder gedeutet wird, gleich ob die Fahrten wie im Mittelalter die Artusritter zu sich selbst führen oder Cervantes Don Quichote in den Wahnsinn treiben, gleich ob Odysseus und seine Fahrt in James Joyce Ulysses in die Situation des modernen Durchschnittsmenschen in einer Großstadt transponiert wird, immer wieder sind Odysseus und seine Abenteuer für die Interpretation der abendländischen Geisteshaltung und deren Konsequenzen bedeutsam gewesen: die Leistungen des Verstandes und seine Möglichkeiten, die Welt zu gestalten, aber auch die Gefährdungen durch die menschliche Hybris , die denselben nahe an den Abgrund führen. Die Odyssee zugleich als Hoffnung und Mahnung für uns!
Von daher wird auch die Odyssee des Homer immer wieder Anregung und Anstoß für den Menschen sein, sich mit seiner Existenz auseinander zu setzen und eine Antwort auf die Frage nach seinem Lebensinn zu suchen. Die Versuche, dies in eine ästhetische, künstlerische Form zu kleiden, werden auch in Zukunft dem Werk seine Bedeutung für die abendländische Bildung sichern, nicht nur in der schulischen Adaption vielfältiger Nacherzählungen einzelner Geschichten. Eine besondere Form dieser Aneignung des Themas versuchte die Theatergruppe dieses Jahr mit einer eigenständigen szenischen Umsetzung, einem irrenden Boot gleichend, das im unendlichen Stoff des homerischen Epos treibend ruft:

Erzähle Muse von dem weltgewandten Mann, der weit reiste und viel herumkam, nachdem er das berühmte Troja zerstört hatte. Viele Länder und Städte sah er, lernte deren Sitten und Gebräuche kennen und auf See geriet er in Not, versuchte sein Leben zu retten und seine Männer nach Hause zu bringen. Doch was er auch tat: seinen Gefährten konnte er nicht helfen, sie gingen durch eigene Dummheit zugrunde, denn sie frevelten und aßen von den Rindern des Helios. Deshalb verhinderte der Gott, dass sie den Tag ihrer Heimkehr erlebten.

zurück